Athor Die Nada Kronieken, Lieferung 7 © Hans Brockhuis 2003 ~ Übersetzung: Renate Korthof
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Mein Name ist Athor und ich bin, was ihr Menschen einen Delphin nennt. Der Name Delphin ist meiner Meinung nach eigentlich nicht so gut gewählt, weil er nicht die ganze Bedeutung umfasst. Die Schwingungen von diesem Wort schliessen nicht bei denen des Namens an, den mein Volk unserer Rasse gegeben hat. Wir nennen uns selbst Altea und ich weiss wohl, dass auch Völker mit diesem Namen auf dem Planeten Erde und anderswo leben und gelebt haben, die das Aussehen von Humanoiden haben oder hatten; wir sind momentan die Erben der Altea-Rasse in der Welt, die ihr Erde nennt und wir Wasser. Zur Zeit lebe ich in einer geschützten Bucht, in einem Teil der Welt mit einem angenehmen Klima. Die Sonne scheint fast immer, was wunderbare Farbnuancen in den oberen Schichten des Meeres ergibt, direkt an der Grenze, wo das Wasser aufhört und die Luft beginnt. An diesem wunderschönen Ort ziehe ich meine Bahnen, begleitet durch eine enorme Vielzahl von Fischen, wovon der eine noch bezaubernder gefärbt ist als der andere. In allen Grössen und Varianten ziehen sie vorbei und da ich auch leben muss, passt das einigen nicht so sehr, dass ich sie als Mahlzeit verwende. Eigenartigerweise ist das Ausmass an Farbe nicht proportional zum Geschmack von manchen Arten, aber ich weiss sie wohl herauszufiltern. Ein Stückchen weiter weg gibt es Korallenriffe und an einem davon ist ein Schiffswrack aus Holz langsam am Verrotten. Es ist ein Heim für eine grosse Anzahl Meerestiere. Ab und zu kommen ein paar von meinen Neffen, die Haie, vorbei, die grossen Tumult im Atoll verursachen, aber die ausser sich mit ihrer täglichen Portion Futter zu versorgen, kaum Schaden anrichten. Warum sollten sie auch? Futter genug, soweit Auge und Radar reichen, also warum sollte man sich Sorgen machen. Noch ein wenig weiter weg haben Menschen einen Steg gebaut, der ein Stück ins Meer reicht, und hier legen die Fischerboote der Insel an, um ihren täglichen Fang an Land zu bringen. Die Fischer sind freundliche Menschen und auch sie sind nur darauf aus, Nahrung zu sammeln, auch wenn die Thunfische, die ebenfalls hier leben, das wenig interessiert, denn sie sind es, die von den Fischern gefangen werden. Tagsüber, wenn die Boote draussen am Meer sind, kommen Kinder zum Steg spielen und manchmal, wenn mir so zumute ist, schwimme ich unter ihnen durch und stupse mit meiner Schnauze ihre Füsse an, die sie vom Steg ins Wasser baumeln lassen. Mit viel Theater fallen sie manchmal ins Wasser und dann haben wir eine Menge Spass. Mein Leben ist nicht immer so goldfischfärbig gewesen wie heute.Ich bin weit entfernt von hier in einem Gebiet geboren, wo das Wasser viel kälter ist und wo die Sonne nur selten scheint. Meine ersten Lebensjahre habe ich in der Nähe von meiner Mutter und meinem Vater und einigen anderen Familienangehörigen zugebracht, und wir verbrachten unsere Zeit mit Hin-und Herschwimmen vom nördlichen zum südlichen Sommer. Es war, glaube ich, nicht so sehr geplant, dass ich in der kalten Zeit zur Welt gekommen bin, aber so ist es nun einmal geschehen und anfangs hatte ich viel Mühe, um bei der Herde zu bleiben. Jeder tat sein Bestes, um mich durch mich nach oben zu schubsen oder mich zwischen ihnen einzuklemmen, schneller werden zu lassen, aber es war doch alles andere als eine einfache Zeit. Andererseits: durch Entbehrung wird man stark und das kam mir später sehr zugute. Rund um die Zeit des Erwachsenwerdens begann ich auf ein junges Weibchen einer vorbeiziehenden Herde ein Auge zu werfen. Sie hiess Emerald und der Name passte ganz und gar zu ihr. Wie schön sie doch war! Ich war bis über mein Sonar verliebt. Sobald ich „denksprechend“ den Kontakt mit ihr hergestellt hatte, wusste ich, dass sie meine Gefährtin werden würde. Sie wusste das auch, aber es kostete doch geraume Zeit, um sie davon zu überzeugen, dass ich der Wahre für sie war. Das kann ich mir auch gut vorstellen, denn sich für mich zu entscheiden bedeutete, ihre eigene Herde zu verlassen, um sich an unsere anzuschließen. Später würden wir eine eigene Herde bilden, weil das nun mal die Art und Weise ist, wie wir Altea mit dem Leben umgehen. Wie gesagt war ich körperlich ziemlich stark. Eine ausgezeichnete Demonstration davon überzeugte Emerald schließlich davon, dass ich der Wahre für sie war und so geschah es, dass sie und ich den Eheband miteinander schlossen und wurde mit der damals zusammen umherziehenden Herde ein großes Fest gefeiert, denn sie und ich waren nicht die einzigen, die einander zu jener Zeit die Treue schwören. Emerald wurde schnell schwanger, und ich wich während der Zeit der Schwangerschaft nicht von ihrer Seite. Ich tat mein Bestes, um die leckersten Happen für sie zu ergattern, aber das war nicht einfach, denn ihr Hormonhaushalt war so durcheinander, dass sie beinah nichts mehr köstlich fand. Das hielt uns nicht davon ab, viel zusammen zu sein und wir sonderten uns immer wieder von der Gruppe ab um das zu tun, wofür wir keine unerwünschten Zuschauer nötig hatten. Das hätten wir besser nicht tun sollen. Eines Tages befanden wir uns in einer schönen Bucht, als vor dem Eingang ein Fischerboot auftauchte, das es auf uns abgesehen hatte. Es gelang uns nicht, weg zu kommen, denn auf irgendeine Weise war unser Sonarsystem zerstört und aufgrund der Panik wussten wir nicht mehr, in welche Richtung wir mussten. Um die Geschichte abzukürzen: Emerald wurde vom Boot aus mit einer Harpune beschossen, dann schreiend vor Schmerz ins Boot gezogen und an ihrer Schwanzflosse am Mast aufgehängt. Das Ärgste war, dass ich überhaupt nichts tun konnte. Schreiend vor Schmerz und Angst hing sie nur da, und ich war machtlos. Meine Angriffe gegen das Boot brachten nichts, und ich konnte Emerald nur denksprechend mitteilen, dass sie durchhalten sollte, dass sie den Mut nicht sinken lassen sollte und dass alles gut würde. Ich hatte leicht reden, ich hing da ja nicht und schließlich und endlich konnte ich sehen, dass die Lebensgeister meine liebe Frau verließen. Dann musste ich den größten Schock meines ganzen Lebens verdauen. Durch die Angst und die Frustration wurden bei Emerald die Geburtswehen ausgelöst, und im Moment ihres Sterbens wurde unsere Tochter geboren. Aus großer Höhe klatschte sie vom Mast auf das Deck. Ich sprach meiner Tochter auf Abstand Mut zu, aber auch sie hatte natürlich keine Chance, und allmählich begriff ich, dass es sinnlos war und dass auf einen Schlag meine ganze Welt eingestürzt war. Lange Zeit noch folgte ich dem Boot, aber es hatte keinen Sinn. Emerald und unsere Tochter waren zurückgekehrt nach Altea und ich war allein. Verstört schwamm ich monatelang umher und erkannte, dass das, was ich mitgemacht hatte, möglicherweise mit Karma zu tun hatte. Auf irgendeine Weise musste ich es in Ordnung bringen. Aber wie? Letzten Endes fand ich ein wenig Ruhe in dieser Bucht. Oft musste ich noch zurückdenken an den schrecklichen Vorfall und es dauerte lang, bevor ich Frieden fand und bevor es mir möglich war, meinen Hass auf die Menschheit, die mir das angetan hatte, zu vermindern und ich beginnen konnte, Vergebung zu finden und auszustrahlen an diese mordgierige Rasse im Allgemeinen und den Mördern von meiner Frau und meinem Kind im Besonderen. Letztendlich habe ich Vergebung gefunden. Es geschah durch... einen Menschen! Ein weibliches Exemplar hatte sich am Atoll niedergelassen. Sie hatte sich in das Leben unserer Art vertieft und wollte nichts lieber, als mit mir in Kontakt kommen. Sie hatte von den Fischern gehört, dass ich in dieser Bucht wohnte und nie weit weg und immer erreichbar war. Am Anfang waren mir die Annäherungsversuche dieser Frau, die sich Emy nannte, überhaupt nicht Recht. Ein Name mit einer Schwingung, die der von Emerald sehr nahe kam. Aber allmählich ließ ich meine Hemmungen los und zu meiner großen Verwunderung schien sie auch „denksprechen“ zu können, etwas, das mir noch nie zuvor bei einer ihrer Artgenossen untergekommen war. Emy lehrte mich viel über ihre und über meine Gattung. Allmählich wusste sie mein Vertrauen zu gewinnen und sie war es, die mit mir über Vergebung sprach und über Einheit und Liebe. Emy lehrte mich, dass es gut für mich wäre, um den Menschen, die mir Frau und Kind genommen hatten, zu vergeben, denn wenn das nicht geschehen wäre, würde ich niemals in diese friedliche Bucht gekommen sein und hätte ich auch Emy nicht kennengelernt; auch wäre es nicht möglich gewesen, mit meiner Schnauze die Kinder der Insel quietschend vor Lachen im salzigen Nass landen zu lassen! Zuerst zögerte ich sehr, was die Annäherung von Emy betraf. Es wurde mir bewusst, dass ich in vorigen Leben zweifellos auch so elende Dinge getan hatte, die dazu geführt hatten, dass meine Emerald und meine Tochter auf so eine abscheuliche Weise das Leben lassen mussten. Ich hatte noch nicht einmal begonnen mit dem Abzahlen meiner Schuld! Aber dann sagte Emy, dass ich vor allem weiter musste mit meinem Leben. Alle Inselbewohner würden mir immer liebevoll begegnen und Respekt vor mir haben. Dennoch wäre es gut, wenn ich imstande wäre, umzuschalten und wenn ich bewusst die Entscheidung treffen würde, rigoros aufzuhören, so zu denken. Ich hatte meine Portion Leiden wohl gehabt und meine Einsicht würde dafür sorgen, dass ich es nicht mehr nötig hätte. Wenn ich einmal den Entschluss gefasst hätte, würde das karmische Rad unverzüglich anhalten, versicherte sie mir. Nun, am Ende meines Lebens, bin ich dankbar, dass ich das alles gelernt habe. Vor kurzem habe ich meine Entscheidung getroffen und am nächsten Tag kam eine prachtvolle Altea in die Bucht geschwommen. Annika heißt sie und sie hat auch ein ganzes Leben hinter sich mit wunderbaren und weniger guten Momenten. Gemeinsam sprechen wir über das Leben. Wir spielen mit den Kindern am Steg Verstecken und wir haben von Emy Abschied genommen, die ihre Untersuchungen beendet hat. Natürlich werde ich Emerald nie vergessen, aber ich konnte vergeben und bald schon wird es auch für mich und für Annika Zeit sein, um zum Ursprung zurückzukehren; und dann werde ich wieder an Emeralds Seite durch das Wasser streifen. Hier in diesem Paradies freue ich mich schon auf den Tag, an dem ich mit ihr vereint sein werde und wir uns zusammen durch das Altea-Paradies tummeln können. | ||
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